Kraftvolles Forte
Eigentlich passte ja gar nichts zueinander. Ein Requiem steht üblicherweise
im November auf dem kirchenmusikalischen Kalender, nicht zu Ostern. Und dass
das Deutsche Requiem des norddeutschen Protestanten Johannes Brahms in einer
katholischen Kirche erklingt, ist auch nicht die Regel.

Aber manche Regelverletzung
zeitigt überraschend harmonische Ergebnisse, wie das Konzert am Sonnabend
in der Göttinger Pauluskirche eindrucksvoll bewies.
Drangvoll eng war der Chorraum besetzt. Zusammen mit dem Singkreis St. Paulus
sang der Oxford Bach Choir, der dieses Requiem auf der Englandreise des Orchesters
Göttinger Musikfreunde kürzlich schon einmal aufgeführt hatte.
Er stattete seinen Gästen nun den Gegenbesuch ab.
Diese deutsch-englische Kooperation verlieh der Aufführung eine breite
und gesunde vokale Basis. Wo sonst gibt es einen Chor mit 18 Tenören, die
beinahe die Bässe zu dominieren imstande sind? Von solchen Verhältnissen
können Kantoren hierzulande nur träumen. Das Forte hatte Kraft, das
Piano hätte vielleicht hier und da noch etwas zarter und transparenter
sein können, aber gemeinsame Begeisterung will sich nun einmal Bahn brechen.
Und die Sicherheit der Choristen war nicht minder eindrucksvoll, die Einsätze
kamen stets präzise - auch in kontrapunktisch komplizierten Passagen. Das
lag zum einen an der gründlichen Vorbereitung der Choristen - den Singkreis
St. Paulus hatte Heiner Kedziora einstudiert, den Oxford Bach Choir David Lowe
-, zum anderen an der energischen, klar strukturierenden Leitung des Dirigenten
Christian Hammer. Er hatte sein Orchester Göttinger Musikfreunde wieder
einmal auf nahezu professionelle Qualität getrimmt.
Die beiden Gesangssolisten fügten sich perfekt in das harmonische Bild
dieses nachösterlichen Abends: Gabriele Czerepan mit ihrem sehr klaren,
unaufdringlich stimmstarken Sopran und Thomas Constien mit seinem nur selten
ein wenig angestrengt wirkenden, klangvollen Bariton. Die Zuhörer in der
voll besetzten Kirche ließen ihrer Begeisterung in lang anhaltendem, lautstarkem
Schlussapplaus freien Lauf.
Text und Bild: Michael Schäfer, Göttingen, 23.04.2001