Anfang 1807 komponierte Beethoven die Ouvertüre zu Coriolan, einem Trauerspiel des befreundeten Dichters Heinrich von Collin (1771-1811) über die Sagengestalt Coriolan, von der schon Plutarch, Cicero und Shakespeare berichteten. Erzählt wird die Geschichte des Römers Coriolanus, der von seinen Mitbürgern zu Unrecht verbannt worden ist. In seiner Vergeltungssucht lässt er sich zum Anführer der verfeindeten Volsker machen und führt beim Angriff auf Rom beinahe die völlige Zerstörung der Stadt herbei. Seine Mutter Veturia bittet ihn eindringlich, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und sich doch seiner heimatlichen Gefühle zu erinnern. Nach langem Zaudern lässt sich Coriolan überzeugen und wird so zum moralischen Sieger. Im Konflikt zwischen der Treue zu seiner Vaterstadt und dem Verrat an den Volskern bleibt ihm jedoch kein anderer Ausweg als der Tod.

Collins Stück erscheint in seiner Sprache nicht nur einem heutigen Publikum wenig geglückt, schon die Premiere von 1802 begeisterte nur wenige Zuschauer, und das Werk wurde bald abgesetzt. Beethoven sah jedoch in der Zerrissenheit des Protagonisten große dramatische Kraft, die er musikalisch umsetzen wollte. Mehr als 30 Mal lässt Collin seinen Helden in "Ha!" Rufe ausbrechen, als Ausdruck des Hasses und wilden Schmerzes, der in seiner Brust wühlt. Und es scheint als seien diese auch bei Beethoven hörbar: wutentbrannte "Ha!"s, so meint man, eröffnen die Ouvertüre, markieren Höhepunkt und ein letztes Aufbäumen vor dem Tod des Helden. Ein unstetes Kopfthema, Symbol für Coriolans Trotz und Gewalt, entwickelt sich aus einem leisen, klopfenden Beginn in den Streichern und verhallt in wütenden forte-Schlägen. Ein zweites sangliches Thema, von den ersten Violinen zu einer besänftigend wiegenden Cellobegleitung und einem Hornteppich vorgestellt, steht für Coriolans Mutter Veturia und ihr Flehen, doch ein Einsehen zu haben. Immer wieder von aufbrausenden Einwürfen aus Coriolans Sphäre unterbrochen, schraubt sich das Thema bei jeder Wiederholung einen Ton höher, wird eindringlicher, doch es hat gegen Coriolans Zorn keine Chance. In einem Durchführungsabschnitt scheint es, als wollte Beethoven versuchen, für beide Sphären eine gemeinsame Sprache zu finden. Die wiegende Begleitung der Veturia-Sphäre steht dem Klopfen des Coriolan-Themas gegenüber, beide sind harmonisch auf der Suche, Coriolan begibt sich dynamisch auf die Ebene der Mutter, bricht dann jedoch wieder aus, es folgt die Rückkehr zur Dramatik des Anfangs. In der Reprise ist die Vorstellung des Coriolan-Themas stark verkürzt, das zweite Thema hingegen erscheint in voller Länge. Der Trotz des Helden gegen die Bitten der Mutter wird schwächer, die anfänglich noch heftige Reaktion auf ihr Thema stockt nun. Höchst eindrucksvoll hat Beethoven das Sterben des Helden dargestellt, zu Liegetönen in Streichern und Fagott erklingt in den Celli Coriolans Thema, immer langsamer, bruchstückhafter, bis es erlischt.