Beethovens Konzert für Violine und Orchester entstand 1806 für Franz Joseph Clement, den 26jährigen Konzertmeister und Orchesterdirektor des Theaters an der Wien, der zu Weihnachen 1806 ein Vorzeigestück brauchte und es am 23. Dezember 1806 zur Uraufführung brachte. Es war allerdings buchstäblich in letzter Minute fertiggestellt worden, sodass nicht einmal mehr Zeit für eine Probe blieb und Clement den anspruchsvollen Solopart vom Blatt spielen musste! Der als überragender Virtuose bekannte Geiger scheint seine Sache trotzdem recht gut gemacht zu haben, denn die Presse lobte anschließend die "Eleganz und Zierlichkeit" seines Vortrags; "man empfieng besonders Klements bewährte Kunst und Anmuth, seine Stärke und Sicherheit auf der Violin, die sein Sclave ist, mit lärmendem Bravo." Weitaus weniger bejubelt wurde jedoch die Komposition selbst, die zwar ihrer "Originalität und mannigfaltigen schönen Stellen wegen mit ausnehmenden Beyfall aufgenommen wurde". Gleichzeit hieß es in der Wiener Theater-Zeitung aber: "... Über Beethofens Concert ist das Urtheil von Kennern ungeteilt; es gesteht demselben manche Schönheit zu, bekennt aber, dass der Zusammenhang oft ganz zerrissen scheine, und dass die unendlichen Wiederholungen einiger gemeinen Stellen leicht ermüden könnten. (...)"

Das Unverständnis der damaligen Musikwelt, das hier zum Ausdruck kam, dürfte mehrere Gründe haben: Die völlige Integration des Soloparts in das kompositorische Gesamtgefüge des eigentlich symphonisches Werkes, der Verzicht nicht auf Virtuosität, wohl aber auf virtuose Zurschaustellung, wird ein Grund gewesen sein. Das motivisch-thematische Geschehen spielt sich vorwiegend im Orchester ab, so dass sich das Verhältnis von Solo-Instrument und Orchester verwandelt: die verzierenden Spielfiguren der Solovioline werden, überspitzt gesagt, zu Begleitfiguren. Der Virtuose wird in einen musikalischen Prozess einbezogen, der das Unterhaltsame des konventionellen Virtuosenkonzerts weit hinter sich lässt. So selbstverständlich diese Haltung heute ist, zu Beethovens war sie eine Herausforderung an den bürgerlichen Geschmack. Ein weiterer Grund ist die Neuartigkeit der Beethoven'schen musikalischen Gestalten und Charaktere. Die rasch wechselnden, oft sehr heftigen Gesten und dichten motivischen Beziehungen dürften damals befremdlich gewirkt haben. Im ersten Satz durchbricht Beethoven den gewohnten Themendualismus des Sonatenhauptsatzes; nicht weniger als fünf thematische Gedanken lösen einander in der Orchester-Exposition ab, bevor ganz unscheinbar die Solo-Violine einsetzt, indem sie bruchlos ein Motiv der Streicher fortsetzt. Die Themen werden in der anschließenden Solo-Exposition und in der Reprise mehrfach wiederholt, aber dabei zum Teil kaleidoskopartig vertauscht. Die kurze Durchführung, in der Beethoven von der reichen Vielfalt der thematischen Gestalten fast keinen Gebrauch macht, tritt viel später ein als erwartet.

All das wird auf das Publikum verwirrend gewirkt haben. Trotzdem lässt sich der Vorwurf der Zusammenhanglosigkeit, den der zitierte Rezensent erhob, nicht aufrechterhalten, schon gar nicht in Hinblick auf den langsamen Satz und das Finale. Der innere Zusammenhang erwächst aus einem musikalischen Keim, den Beethoven gleich in den ersten beiden Takten offen legt: fünf leise Paukenschläge, ein elementares rhythmisches Motiv, wie es sich unspektakulärer nicht denken ließe und das doch die motivische Grundlage des Ganzen ist. Im zweiten Satz mit seinen schlichten, anrührenden Kantilenen umspielt die Geige den dreimaligen Vortrag des Hauptthemas im Orchester und setzt nach einer weiteren Wiederholung mit einem kontrastierenden eigenen Gedanken wieder ein. Der letzte Satz, ein klar gegliedertes Rondo, besteht aus drei sich abwechselnden Themenkomplexen. Der erste im Tanzcharakter erscheint viermal und bildet auch den Schluss. Der zweite beginnt mit einer Staccatofigur der Hörner zum ausgehaltenen hohen A der Geige und erscheint dreimal. Der dritte, das Piano dolce der Geige, ist das expressive Moll-Zentrum des Satzes.

Und doch vergingen nach der Uraufführung noch fast vierzig Jahre, ehe sich das Werk - dank der kongenialen Interpretation des jungen Joseph Joachim - im Repertoire durchsetzen konnte.