Beethovens Sinfonien gelten vielfach gleichsam als der Inbegriff der Gattung schlechthin, wobei die "ungeraden" Sinfonien, besonders die "Eroica", die Fünfte und die Neunte, häufig in der Wahrnehmung dominieren. Abgesehen von der Sechsten, der "Pastorale", die dank ihrer programmatischen Eigenart schon immer eine singuläre Position einnahm, gelten die "geraden" Sinfonien - die Zweite, die Vierte und die Achte - häufig als die weniger gewichtigen, stehen für den "entspannteren" Beethoven. Bei der Betrachtung der Zweiten wird dann immer wieder auf den heiter-besinnlichen Charakter dieser Sinfonie verwiesen, der in krassem Gegensatz steht zu dem depressiven, verzweifelten Ton von Beethovens Heiligenstädter Testament, jenem erschütternden (jedoch nie abgeschickten) Abschiedsbrief an seine Brüder, der die Folgen seiner fortschreitenden Ertaubung dokumentiert und voller Todesgedanken ist. Verwundert fragt man, wie Beethoven in dieser Phase tiefster Verzweiflung solch eine Sinfonie schreiben konnte:

"Für meine Brüder Karl und (Johann) Beethoven. O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störisch oder misantrophisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir! (...) bedenket nur, daß seit 6 Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert, von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen, endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern oder gar unmöglich ist) gezwungen; mit einem feurigen, lebhaften Temperament selbst empfänglich für die Zerstreuungen der Gesellschaft, musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen; wollte ich auch zuweilen mich einmal über all das hinaussetzen, o wie hart wurde ich durch die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehörs dann zurückgestoßen, und doch war's mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub (...) Mit Freuden eil ich dem Tod entgegen. - Kommt er früher, als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunstfähigkeiten zu entfalten, so wird er mir trotz meines harten Schicksal doch noch zu frühe kommen, und würde ich ihn wohl später wünschen. - Doch auch dann bin ich zufrieden: befreit er mich nicht von einem endlos leidenden Zustand? - Komm, wann du willst: ich gehe dir mutig entgegen. Lebt wohl und vergesst mich nicht ganz im Tode. Ich habe es um euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an euch gedacht. Euch glücklich zu machen; seid es! - Heilgnstadt, am 6.Oktober 1802 Ludwig van Beethoven."

Die Forschung an den vorhandenen Skizzen hat jedoch ergeben, dass die Sinfonie schon einige Zeit vor Beethovens Aufenthalt in Heiligenstadt entstand. Er begann wohl schon im Herbst 1800 mit der Niederschrift erster Ideen. Im darauffolgenden Winter unterbrach er die Arbeit zugunsten anderer größerer Projekte. Wann genau er sie wieder aufnahm und dann vollenden konnte, ist nicht zweifelsfrei zu belegen, spätestens aber im April 1802 war das Werk abgeschlossen - ein halbes Jahr, bevor sein Arzt ihn zur Erholung und Schonung des Gehörs nach Heiligenstadt, einem Dorf in ländlicher Abgeschiedenheit vor den Toren Wiens, schickte. Beethoven plante ursprünglich, die Sinfonie in seiner Akademien aufzuführen, die dann jedoch nicht zustande kam: er bekam den Theatersaal nicht, den er eigentlich dafür mieten wollte. Die erste gesicherte öffentliche Aufführung erfolgte am 5. April 1803, und zwar in einem für heutige Verhältnisse regelrechten Konzertmarathon, nämlich zusammen mit der ersten Sinfonie und den Uraufführungen seines dritten Klavierkonzerts, in dem er auch noch selbst den Solopart spielte, und seines Oratoriums "Christus am Ölberg".

Die Sinfonie beginnt mit einer langsamen Einleitung, in der gewaltige Tuttischläge im Kontrast zu weichen Kantilenen stehen. Markant auch ein scharf punktierter, abwärts geführter d-Moll-Dreiklang im Unisono des ganzen Orchesters. Der eigentliche Kopfsatz lebt vom kraftvoll energischen Hauptthema in klassischer Dreiklangsstruktur. Auch im marschartigen Seitenthema, dessen beschwingter Charakter durch die nach fis-Moll versetzte Wiederholung im Fortissimo in sein Gegenteil verkehrt wird, spielt der Dreiklang die wesentliche Rolle. Zum romanzenhaften, lyrischen zweiten Satz merkte Berlioz einmal an, sein Charakter entferne sich nie vom Gefühl der Zärtlichkeit, der Satz sei die entzückende Schilderung unschuldigen Glücks." Der dritte Satz zeigt in seinem stürmischen Impetus, den pointierten Kontrasten und der Verschränkung von schroffen und humoristischen Zügen alle Merkmale eines sinfonischen Scherzos, und als solchen hat Beethoven ihn hier erstmals bezeichnet. In den Skizzen deutet ein "M" darauf hin, dass der Satz traditionsgemäß wohl zunächst als Menuett gedacht war, doch Beethoven wird selbst empfunden haben, dass die sprühende Thematik nichts mehr mit dem alten Hoftanz gemein hat und gab dem Satz den Titel, der seinem Charakter entsprach." Der rondoartige Schlusssatz wird durch ein für Beethoven charakteristisches, trotziges Motiv eröffnet und von ihm bestimmt. Im späteren Verlauf dieses ausgelassenen, temporeichen und bewegten Finales fungiert eine ungewöhnlich lange Coda wie eine zweite Durchführung. Die Bewegung kommt zweimal überraschend auf einer Fermate zum Stehen, bevor man unvermutet feststellt, dass man sich mitten im Schlusswirbel dieser Sinfonie befindet.

Heutigen Hörern erscheint die Sinfonie, zumal im Vergleich mit späteren Werken Beethovens, relativ gelöst und heiter. Die Zeitgenossen, die "nur" mit den Sinfonien Haydns und Mozarts oder mancher zweitrangiger Komponisten vertraut waren, empfanden dagegen auch Verwirrung und Ärger angesichts der ungewohnten Klänge. Eine "bewundernswürdige Summe origineller und zuweilen höchstseltsam gruppirter Ideen" lautet eines der harmloseren Urteile. Besonders die weitgespannte Modulationen im Finale wirkten wohl irritierend und verleiteten den Kritiker der Leipziger Erstaufführung 1828 zu folgender vernichtender und zugleich kurioser Kritik: "Sie ist ein krasses Ungeheuer, ein angestochener, unbändig sich windender Lindwurm, der nicht ersterben will und (im Finale) selbst verblutend, noch mit aufgerecktem Schweife vergeblich wütend um sich schlägt".

Text: Marieke Hopmann