Die Forschung an den vorhandenen
Skizzen hat jedoch ergeben, dass die Sinfonie schon einige Zeit vor Beethovens
Aufenthalt in Heiligenstadt entstand. Er begann wohl schon im Herbst 1800 mit
der Niederschrift erster Ideen. Im darauffolgenden Winter unterbrach er die
Arbeit zugunsten anderer größerer Projekte. Wann genau er sie wieder
aufnahm und dann vollenden konnte, ist nicht zweifelsfrei zu belegen, spätestens
aber im April 1802 war das Werk abgeschlossen - ein halbes Jahr, bevor sein
Arzt ihn zur Erholung und Schonung des Gehörs nach Heiligenstadt, einem
Dorf in ländlicher Abgeschiedenheit vor den Toren Wiens, schickte. Beethoven
plante ursprünglich, die Sinfonie in seiner Akademien aufzuführen,
die dann jedoch nicht zustande kam: er bekam den Theatersaal nicht, den er eigentlich
dafür mieten wollte. Die erste gesicherte öffentliche Aufführung
erfolgte am 5. April 1803, und zwar in einem für heutige Verhältnisse
regelrechten Konzertmarathon, nämlich zusammen mit der ersten Sinfonie
und den Uraufführungen seines dritten Klavierkonzerts, in dem er auch noch
selbst den Solopart spielte, und seines Oratoriums "Christus am Ölberg".
Die Sinfonie beginnt mit einer langsamen Einleitung, in der gewaltige Tuttischläge
im Kontrast zu weichen Kantilenen stehen. Markant auch ein scharf punktierter,
abwärts geführter d-Moll-Dreiklang im Unisono des ganzen Orchesters.
Der eigentliche Kopfsatz lebt vom kraftvoll energischen Hauptthema in klassischer
Dreiklangsstruktur. Auch im marschartigen Seitenthema, dessen beschwingter Charakter
durch die nach fis-Moll versetzte Wiederholung im Fortissimo in sein Gegenteil
verkehrt wird, spielt der Dreiklang die wesentliche Rolle. Zum romanzenhaften,
lyrischen zweiten Satz merkte Berlioz einmal an, sein Charakter entferne sich
nie vom Gefühl der Zärtlichkeit, der Satz sei die entzückende
Schilderung unschuldigen Glücks." Der dritte Satz zeigt in seinem
stürmischen Impetus, den pointierten Kontrasten und der Verschränkung
von schroffen und humoristischen Zügen alle Merkmale eines sinfonischen
Scherzos, und als solchen hat Beethoven ihn hier erstmals bezeichnet. In den
Skizzen deutet ein "M" darauf hin, dass der Satz traditionsgemäß
wohl zunächst als Menuett gedacht war, doch Beethoven wird selbst empfunden
haben, dass die sprühende Thematik nichts mehr mit dem alten Hoftanz gemein
hat und gab dem Satz den Titel, der seinem Charakter entsprach." Der rondoartige
Schlusssatz wird durch ein für Beethoven charakteristisches, trotziges
Motiv eröffnet und von ihm bestimmt. Im späteren Verlauf dieses ausgelassenen,
temporeichen und bewegten Finales fungiert eine ungewöhnlich lange Coda
wie eine zweite Durchführung. Die Bewegung kommt zweimal überraschend
auf einer Fermate zum Stehen, bevor man unvermutet feststellt, dass man sich
mitten im Schlusswirbel dieser Sinfonie befindet.
Heutigen Hörern erscheint die Sinfonie, zumal im Vergleich mit späteren
Werken Beethovens, relativ gelöst und heiter. Die Zeitgenossen, die "nur"
mit den Sinfonien Haydns und Mozarts oder mancher zweitrangiger Komponisten
vertraut waren, empfanden dagegen auch Verwirrung und Ärger angesichts
der ungewohnten Klänge. Eine "bewundernswürdige Summe origineller
und zuweilen höchstseltsam gruppirter Ideen" lautet eines der
harmloseren Urteile. Besonders die weitgespannte Modulationen im Finale wirkten
wohl irritierend und verleiteten den Kritiker der Leipziger Erstaufführung
1828 zu folgender vernichtender und zugleich kurioser Kritik: "Sie ist
ein krasses Ungeheuer, ein angestochener, unbändig sich windender Lindwurm,
der nicht ersterben will und (im Finale) selbst verblutend, noch mit aufgerecktem
Schweife vergeblich wütend um sich schlägt".
Text: Marieke Hopmann