Josef Gabriel Rheinberger,
der 1839 in Vaduz geboren wurde, zeigte schon früh
eine außergewöhnliche Musikalität. Als Zwölfjähriger
kam er nach München, um am dortigen Konservatorium Musik zu studieren.
Schon bald übernahm er Organistendienste an verschiedenen Münchner
Kirchen. Mit nur 20 Jahren erhielt er an demselben Konservatorium, an dem
nicht lange davor noch selbst studiert hatte, eine Stelle als Lehrer für
Klavier, Orgel, Komposition und Musiktheorie, die er bis kurz vor seinem Tod
innehaben sollte. 1877 wurde er zum königlichen Hofkapellmeister und Leiter
der Kirchenmusik am bayerischen Hof ernannt, womit er eine zentrale Position
der katholischen Kirchenmusik Deutschlands einnahm.
Nachdem die Existenz schon früh wirtschaftlich gut abgesichert war, heiratete
er 1867 die um sieben Jahre ältere, verwitwete Fanny (Franziska) von Hoffnaaß,
die als Dichterin lokale Bekanntheit genoss und für ihren Gatten immer
wieder Texte zur Vertonung schrieb. In einem 1906 erschienenen Artikel über
Rheinberger wird seine Gattin als vielseitig gebildete und begabte Frau geschildert: "Diese
merkwürdige Frau dichtet, zeichnet, singt, spielt Klavier, komponiert auch
gelegentlich. Sie sucht nach alten Volksmelodien in der Staatsbibliothek,
sie hat Latein, Spanisch, Italienisch, Französisch und Englisch studiert,
schreibt Texte für Oratorien, Chöre, Opern, Lieder, stickt Paramente
nach alten Kirchenmustern..."
1890 vertonte Rheinberger den gleichnamigen neunteiligen Gedichtzyklus seiner
Frau, den der Herausgeber der Neuausgabe des Werkes ein knappes Jahrhundert später
folgendermaßen charakterisiert: "Mit den naiven Texten und einer Sprache,
die "ungefeilt und beinahe einfältig" anmutet, ist es der Verfasserin
gelungen, Stimmung und Wärme einer alpenländischen Weihnacht einzufangen
und damit dem Komponisten zu einem seiner persönlichsten Werke zu inspirieren.
Sprachliche und inhaltliche Peinlichkeiten, wie sie etwa in früheren
Dichtungen Fannys festgestellt werden können, sind in diesem Werk kaum vorhanden.
In einem Ton und in Bildern, die an die Volkstümlichkeit bayerischer Weihnachtskrippen
erinnern, wird in freier Deutung die Geschichte der Geburt Christi nach den Evangelisten
Lukas und Matthäus erzählt."
Der "Stern von Bethlehem" gilt als Rheinbergers persönlichstes
Werk, das durch innere musikalische Geschlossenheit beeindruckt. Liedhafte
und pastorale Chöre, eine innige Sopranpartie und nicht zuletzt der exotisch
anmutende Zug der Weisen durch die Wüste sichern dem stimmungsvollen
und lyrischen Werk zunehmende Beliebtheit. Doch konnte Rheinberger sich nie dazu
durchringen, einer Aufführung beizuwohnen. Mit Vollendung des Werkes
erkrankte seine Frau schwer und starb, kurz nachdem sie den ersten gedruckten
Klavierauszug in Händen hielt. Rheinberger schilderte den schmerzlichen
Abschied in einem Brief später folgendermaßen:
"
Vor mir liegt ein in weißes Pergament gebundenes Buch mit einem goldenen
Stern. Es ist der Clavierauszug meines 'Stern von Bethlehem', zu dem Fanny
den Text gedichtet - schon damals schwer krank (an Herzwassersucht, denn
geistig war sie damals wieder normal) erwartete sie sehnsüchtig die Druckbogen,
die noch rechtzeitig in dieser von ihr gewünschten Form ihr am Christabend
auf das Bett gelegt werden konnten. Dazu hatten die barmherzige Schwester und
Olga ein kleines Christbäumchen auf dem Nachttischchen aufgestellt
und angezündet und ich musste im Nebenzimmer den 'Hirtenchor'
und die 'Vision Marias' (die sie besonders liebte) leise vorspielen, wobei sie
in dem Clavierauszug mitlas. (Wir hatten an diesem Abend ihren Tod erwartet,
es dauerte aber zur Verwunderung des Arztes noch 6 Tage) dann zeigte sie matt
lächelnd auf den Stern und sagte zu mir: 'Den wird' ich jetzt bald sehen,
bald – bald!' Sie drückte das Buch an die Brust und schlief vor Schwäche
ein und Olga trug weinend das Christbäumchen aus dem Zimmer. Das war mein
Weihnachtsabend 1892. Es fiel mir dies Alles so ein, da ich eben einen
Brief von einem Musikdirektor in Luzern erhielt, der mir über die zweimalige
Aufführung des Werkes berichtete, das anzuhören ich mich bisher noch
nicht entschließen konnte."
Obwohl Rheinberger, dessen œuvre vom Sololied bis zur Oper, vom einfachen
Klavierstück über die Kammermusik bis zu sinfonischen Werken reicht,
ein äußerst vielseitiger und zu seiner Zeit erfolgreicher
Komponist war, geriet ein Großteil seiner Werke in Vergessenheit und wird
erst langsam wiederentdeckt. Als Komponist war er der Tradition der
Klassik und Frühromantik verbunden; Bach und Mozart zählten zu
seinen Leitbildern. Doch die mit dem Jahrhundertwechsel einsetzende ästhetische
Neuorientierung führte zu einer radikalen Ablehnung jener konservativ-klassizistischen
Richtung, der er sich - wie auch Brahms - verpflichtet fühlte. Am bekanntesten
sind heute seine Orgelwerke. Unbestritten ist auch seine Bedeutung als Kompositionslehrer:
Zu seinen Schülern zählten etwa Engelbert Humperdinck, Ermanno
Wolf-Ferrari und Wilhelm Furtwängler.