Ravel war stets bemüht,
alle in einer fertigen Komposition schlummernden Ausdrucksmöglichkeiten
bis zum letzten auszureizen. Fasziniert von der Instrumentierungskunst eines
Hector Berlioz oder Nikolai Rimsky-Korsakow, gab er vielen seiner Klavierwerke
oder jenen für Singstimme und Klavier später eine Orchesterfassung.
Auch "Le tombeau de Couperin" entstand während des 1. Weltkriegs
zunächst als sechsteilige französische Klaviersuite. "Tombeau"
(Grabmal) war bei den französischen Lauten- und Cembalomeistern des 16.
und 17. Jahrhunderts ein Genre von Gedenkkompositionen, meist für Fürsten,
aber auch für Künstler. François Couperin, der Hofcompositeur
des "Sonnenkönigs" Louis XIV. am Versailler Hof, dem Ravels "Tombeau"
zugeeignet ist, hatte es zu Lebzeiten zu glanzvollem Ruhm gebracht, jedoch verschwand
seine Musik nach seinem Tode ganz aus dem Repertoire. Erst durch die Neuausgabe
und Klaviertranskription der "Pièces de Clavecin" durch Brahms
und Crysander 1862 kehrte Couperin, der auch von Debussy hoch geschätzt
wurde, auf die Notenpulte zurück. Ravels Suite "Le tombeau de Couperin"
sollte jedoch in Wirklichkeit weniger eine Huldigung an Couperin selbst sein
als vielmehr ein Portrait der französischen Musik des 18. Jahrhunderts.
Ravel schreibt daher keine Trauermusik sondern eine Art kurzweilige "Partita"
nach klassischem Vorbild. Er bedient sich dabei traditioneller barocker Satzformen,
in denen sich dramatische Höhepunkte und besinnliche Erinnerungen abwechseln,
und verbindet diese mit impressionistischen Klangflächen und dichtem polyphonen
Gewebe, das sich durch Dezenz, Fragilität und Noblesse auszeichnet. Der
Ausbruch des Krieges - Ravel hatte sich selbst als Soldat gemeldet - mag die
Rückwendung auf die stilistischen Ideale des "grand siècle"
der französischen Klassik mitbestimmt haben. Die politische Implikation
dieses sehr bewussten Gangs "ad fontes", zu den Quellen der französischen
Musiktradition, spiegelt sich auch darin, dass Ravel jeden der sechs Sätze
dem Andenken eines im 1. Weltkrieg gefallenen Kriegskameraden widmete. Vier
dieser Sätze instrumentierte er 1919 nachträglich für Orchester
in einer für ihn eher untypisch kleinen Besetzung.
Marieke Hopmann