Ravel lebte als Sohn einer baskischen Mutter und eines schweizerischen Ingenieurs von früher Kindheit an in Paris. 1889 begann er das Studium der Komposition am dortigen Konservatorium bei Gabriel Fauré, damals die grösste künstlerische Persönlichkeit am Institut. Der junge Komponist hatte sich schon während des Studiums als ein bemerkenswerter musikalischer Neuerer gezeigt: Seine "Jeux D'Eau" (1901) für Klavier und sein Streichquartett (1902-3) hat Fauré sehr geschätzt und wurden als "ultramoderne" Musikwerke der damaligen Zeit bezeichnet. Diese neue Musiksprache konnte aber in der damals ziemlich konservativen und akademischen Pariser Kulturwelt zunächst keinen Anklang finden. Dreimal hatte sich Ravel um den "Prix de Rome" beworben; ohne Erfolg. Die Juroren - keine Musiker, sondern Maler und Bildhauer - bevorzugten eher epigonale, leichter verständliche Komponisten. Bei seinem vierten Anlauf wurde er sogar verdächtigt, ein Plagiat einer Debussy-Musik geschaffen zu haben. Ein Riesenskandal! Aber Fauré stand an der Seite seines Schülers. Und nachdem Fauré Direktor des Pariser Konservatoriums wurde, wurde auch Ravel eine größere Aufmerksamkeit zuteil, und es begann sein unaufhaltsamer Aufstieg in der musikalischen Welt. Die stärksten Eindrücke bekam Ravel jedoch von Eric Satie und dem älteren, damals schon renommierten Claude Debussy, den er sehr schätzte. Beide Komponisten fühlten eine Geistesverwandtschaft zueinander, sind aber ganz individuelle Wege gegangen. Beide werden zwar zu den Impressionisten gezählt, beiden gemeinsam ist unbestritten die Innovation der Musik in harmonischer Hinsicht, das Interesse am Exotischen, der starke Bezug zur russischen Musik, aber Ravel ist ganz eindeutig derjenige, der die klassische Form anstrebt, was Debussy kaum verfolgt. Und während Debussys Kompositionsweise eine starke Verbundenheit mit dem Malerischen aufzeigt, findet sich bei Ravel einen stärkerer Bezug zur Choreographie.

Ravel war stets bemüht, alle in einer fertigen Komposition schlummernden Ausdrucksmöglichkeiten bis zum letzten auszureizen. Fasziniert von der Instrumentierungskunst eines Hector Berlioz oder Nikolai Rimsky-Korsakow, gab er vielen seiner Klavierwerke oder jenen für Singstimme und Klavier später eine Orchesterfassung. Auch "Le tombeau de Couperin" entstand während des 1. Weltkriegs zunächst als sechsteilige französische Klaviersuite. "Tombeau" (Grabmal) war bei den französischen Lauten- und Cembalomeistern des 16. und 17. Jahrhunderts ein Genre von Gedenkkompositionen, meist für Fürsten, aber auch für Künstler. François Couperin, der Hofcompositeur des "Sonnenkönigs" Louis XIV. am Versailler Hof, dem Ravels "Tombeau" zugeeignet ist, hatte es zu Lebzeiten zu glanzvollem Ruhm gebracht, jedoch verschwand seine Musik nach seinem Tode ganz aus dem Repertoire. Erst durch die Neuausgabe und Klaviertranskription der "Pièces de Clavecin" durch Brahms und Crysander 1862 kehrte Couperin, der auch von Debussy hoch geschätzt wurde, auf die Notenpulte zurück. Ravels Suite "Le tombeau de Couperin" sollte jedoch in Wirklichkeit weniger eine Huldigung an Couperin selbst sein als vielmehr ein Portrait der französischen Musik des 18. Jahrhunderts. Ravel schreibt daher keine Trauermusik sondern eine Art kurzweilige "Partita" nach klassischem Vorbild. Er bedient sich dabei traditioneller barocker Satzformen, in denen sich dramatische Höhepunkte und besinnliche Erinnerungen abwechseln, und verbindet diese mit impressionistischen Klangflächen und dichtem polyphonen Gewebe, das sich durch Dezenz, Fragilität und Noblesse auszeichnet. Der Ausbruch des Krieges - Ravel hatte sich selbst als Soldat gemeldet - mag die Rückwendung auf die stilistischen Ideale des "grand siècle" der französischen Klassik mitbestimmt haben. Die politische Implikation dieses sehr bewussten Gangs "ad fontes", zu den Quellen der französischen Musiktradition, spiegelt sich auch darin, dass Ravel jeden der sechs Sätze dem Andenken eines im 1. Weltkrieg gefallenen Kriegskameraden widmete. Vier dieser Sätze instrumentierte er 1919 nachträglich für Orchester in einer für ihn eher untypisch kleinen Besetzung.

Marieke Hopmann