Am 22. Dezember 1808 dirigierte
Beethoven in Wien die Uraufführungen der 5. und 6. Sinfonie,
die fast gleichzeitig entstanden, jedoch in Form, Orchestrierung und Grundstimmung
völlig unterschiedlich sind und gegensätzliche Seiten der vielschichtigen
und widerspruchsvollen Persönlichkeit Beethovens spiegeln. Auf der einen
Seite: Herausfahrendes, Provokation, Protest, Konfliktbewusstsein, Kämpfe,
trotzige Selbstbehauptung, Niederlagen, endlich Sieg und Triumph. Auf der anderen
Seite: Ruhige, naive Lebensfreude, Naturbetrachtung, Identifikation mit dem Schöpfer
und seiner Schöpfung, Meditation, Freude, Dankbarkeit. Zahlreiche Äußerungen
Beethovens bezeugen in allen Phasen seines Lebens eine tiefe, fast religiöse
Naturverbundenheit. Im Skizzenheft von 1815 heißt es: "Allmächtiger
im Walde, ich bin selig, glücklich im Wald: jeder Baum spricht durch dich.
- O Gott! Welche Herrlichkeit! In einer solchen Waldgegend, in den Höhe ist
Ruhe, Ruhe, ihm zu dienen." 1824 notierte er: "Ich muss mich in der
unverdorbenen Natur wieder erholen und mein Gemüt reinwaschen... meine unwandelbare
Freunde, die grünen Gebüsche und die hochstrebenden Bäume, die
grünen Hecken und Schlupfwinkel, von Bächen rauschend... Hier, von diesen
Naturgeschöpfen umgeben, sitze ich oft stundenlang, und meine Sinne schwelgen
in dem Anblick der empfangenden und gebärenden Kinder der Natur." Allerdings
wird in solchen Äußerungen auch die in der Spätaufklärung
vorherrschende Mischung aus realem Bedürfnis nach Stadtflucht und einer stilisierten
und literarisierten Rede darüber offen. Auch ist Beethovens Sehnsucht nach
Naturerfahrung kein spezifisch auf ihn zutreffendes Phänomen sondern eine
Modeerscheinung, die er mit vielen Zeitgenossen teilte. Zwar trieb es ihn immer
wieder hinaus ins Freie und aufs Land, doch war er im Grunde ein Stadtmensch,
blieb er an die Stadt gefesselt, an die Konzertsäle, Theater und Paläste
der Gönner.
In der 6. Sinfonie, deren Skizzen schon auf das Jahr 1803 zurückgehen, hat
Beethoven versucht, seinen Naturerfahrungen mit musikalischen Mitteln Ausdruck
zu geben. Den einzelnen Sätzen gab er programmatische Überschriften,
die bestimmte Assoziationen wachrufen und den Hörern einen leichteren Zugang
zum Werk ermöglichen sollten. Programm-Musik kam damals wieder in Mode, mehr
noch, als sie es schon im 18. Jahrhundert gewesen war. Beethoven kannte eine Sinfonie
des Schwaben Justin Heinrich Knecht, die Modell gewesen sein mag: "Das vergnügte
Hirtenleben, von einem Donnerwetter unterbrochen, welches dann aber wegzieht,
und sodann die laute und naive Freude deshalb." 1809, beim Druck der "Pastoralen",
notierte Beethoven: "Erinnerungen an das Landleben (Mehr Ausdruck der Empfindung
als Mahlerey)". Damit formulierte er seine künstlerische Absicht: die
Wirkung der tonmalerischen Komponenten erschöpfen sich nicht in der Nachahmung
der Natur, sondern sie vermitteln den Ausdruck seelischer Empfindungen, wie dies
in den Satzüberschriften niedergeschrieben ist. Nicht nur die Angabe von
Satztiteln unterscheidet die 6. von allen anderen Sinfonien Beethovens, sondern
auch ihre für ihre Entstehungszeit aus der Ordnung fallende fünfsätzige
Anlage, wobei die drei letzten, kürzeren Sätze ohne Pause ineinander
übergehen und mit dem Gewitter als Höhepunkt einen dramatisch konzipierten
Block darstellen.
1863 wurde in Düsseldorf die "Pastorale" in einem halbdramatischen
Rahmen aufgeführt. "In einer Reihe von beweglichen, lebenden Bildern,
in welchen pantomimisch und malerisch die Situationen erscheinen, welche der Tondichtung
zugrunde liegen", wurde die Sinfonie zur Darstellung gebracht. Zunächst
waren in einer heiteren Sommerlandschaft mit weidender Herde und Hirten Bauern
bei der Ernte zu sehen, der Dorfpfarrer trat hinzu, eine städtische Familie
zog lustwandelnd heran. Das zweite Bild zeigte ein liebliches Tal, von einem Bach
durchzogen, holzlesende Kinder. Die Städterfamilie legt sich ins schattige
Gras, ein junges Liebespaar sucht Blumen und fängt Schmetterlinge. Der dritte
Teil zeigte im Dorf vor dem Wirtshaus Bauern beim lustigen Tanz, bevor ein Gewitter
hereinbricht und alle verschwinden; nur die Musik untermalt das Gewitter. Als
es vorüber ist, zieht ein Regenbogen auf, Landleute treten aus den Häusern,
die sinkende Sonne fällt auf das Kirchendach, der Pfarrer tritt herzu, und
wie die Abendglocke herüber tönt, beten alle den Abendsegen. - Was aus
heutiger Sicht sicher nicht mehr als eine kitschige Trivialisierung der Pastorale
war und die bildliche Darstellung nicht Beethovens Absicht gewesen sein kann,
zeigt zumindest eine Form der damaligen Rezeption vor dem Hintergrund einer biedermeierlichen
Naturvorstellung und Freizeitkultur nur ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung.