Anton Bruckner
Mozart schrieb seine erste Sinfonie im Alter von acht Jahren, Schubert mit sechzehn,
Beethoven mit 31 Jahren. Bruckner hingegen war bereits 38 Jahre alt, als er
seine erste Sinfonie beendete. Diese allerdings war nur eine Kompositionsübung
für ihn, die er nicht einmal in seine Werkzählung aufnahm, sondern
verwarf und abschätzig als "Schularbeit" bezeichnete. Glücklicherweise
vernichtete er die Partitur jedoch nicht.
Anton Bruckner wurde als Sohn eines einfachen Schullehrers in einem oberösterreichischen
Dorf geboren, das dem Stift St. Florian kirchlich unterstellt war. Zu den Aufgaben
des Dorfschullehrers gehörten damals auch das Orgelspiel beim Gottesdienst,
die Leitung des Gemeindechors und Mesnerdienste. Der Klosterschüler und
Sängerknabe Anton erhielt daher schon früh eine kirchenmusikalische
Ausbildung, war zudem talentiert, gelehrig und fleißig und konnte so bereits
mit zehn Jahren seinen Vater an der Orgel vertreten. Sein frommes, gläubiges
Wesen und die tiefe Religiosität, die später so bestimmend für
sein kompositorisches sinfonisches Schaffen wurde, aber auch die dörfliche
Herkunft, der Mangel an Intellektualität und gesellschaftlichem "Schliff",
der ihm offensichtlich immer anhaftete und oft genug nachgesagt wurde, haben
ihre Wurzeln in der frühesten Kindheit mit ihrer ländlichen, religiös
geprägten Umgebung.
Zunächst schlug er wie sein Vater und Großvater die Lehrerlaufbahn ein und übte neben dem Beruf des Volksschullehrers das Organistenamt an St. Florian aus. Doch nutzte er die wenige freie Zeit, die ihm blieb, mit unglaublicher Zähigkeit für seine musikalische Weiterbildung. Als ihm schließlich die Domorganistenstelle in Linz angeboten wurde, gab er zugunsten dieser den Lehrerberuf auf, begann aber gleichzeitig eine mehrjährige Ausbildung bei Simon Sechter in Wien, einem der wichtigsten Musiktheoretiker und Kompositionslehrer seiner Zeit. Ab 1862 nahm der inzwischen bereits 38jährige Domorganist Bruckner Kompositionsunterricht bei dem zehn Jahre jüngeren Otto Kitzler, damals Kapellmeister am Linzer Theater. Hatte er sich bis dahin nur dem Komponieren von Kirchenmusik gewidmet, so entstanden nun auch kleinere Orchesterwerke wie die g-moll-Ouvertüre und einzelne als Übungen geschriebene Orchestersätze. Durch Kitzler lernte Bruckner nun neben Beethoven, Schubert und Mendelssohn vor allem auch die Musik Wagners kennen, die ihn der Instrumentationskunst und Klangfarbe wegen in ihren Bann zog (die musikdramatische Seite von Wagners Gesamtkunstwerk hingegen scheint er kaum wahrgenommen zu haben). Die Linzer Aufführung von Tannhäuser war dann die Initialzündung, die Bruckner veranlasste, sich an die sinfonische Form heranzuwagen: Unmittelbar danach nahm er die f-moll-Sinfonie in Angriff. Sie war sozusagen sein Gesellenstück und Abschlusswerk der Unterweisungen bei Otto Kitzler; mit ihrer Beendigung nach dreieinhalb Monaten Arbeit begann Bruckner endlich ein selbständiges Komponistendasein. Und es hatte sich in ihm ein Wandel vollzogen: Von der Orgel hatte er zum Klang des Orchesters gefunden und darin das seinem Schaffen kongeniale "Instrument" entdeckt. Wenn er auch weiterhin als Orgelvirtuose auftrat und als solcher gefeiert wurde, gab er nun die Komposition für die Kirche auf und wandte sich ganz der Sinfonie zu.
Obwohl die f-moll-Sinfonie Bruckners Personalstil erst ansatzweise erkennen lässt, ist sie keinesfalls nur eine "Übungssinfonie", sondern künstlerisch bereits eine bewundernswerte Leistung, die schon eine gewisse Neigung zur später so dominanten Monumentalität erkennen lässt. Hier steht Altes neben Neuem, Konventionelles neben Unkonventionellem, das Reguläre neben dem die Regel Durchbrechenden. Sowohl der Kopfsatz als auch das Finale weisen nicht zwei, sondern drei Themen und einen Epilog auf. Von den drei Themen trägt das zweite - wie in den späteren Sinfonien - einen gesanglichen und das dritte einen wuchtigen bzw. energischen Charakter. Dynamische Kontraste, die für Bruckners Sinfonien später so charakteristisch wurden, spielen bereits eine wichtige Rolle. An anderen Stellen verwendet Bruckner subtilere Mittel - zum Beispiel im Trio des Scherzo, wo er mit unregelmäßigen Taktgruppierungen arbeitet. Am ehesten verweist vielleicht aber das Scherzo selbst mit seinen stampfenden Rhythmen auf den kommenden Bruckner. Die Tonsprache im langsamen Satz und dem energischen Finale hingegen ist noch konventioneller gehalten und hochromantisch.
Obwohl er dieses Werk nur
als Studie verstand, versäumte es Bruckner nicht, sich bei Generalmusikdirektor
Franz Larcher um eine Aufführung seines Erstlingswerks zu bemühen.
Aus dessen Zusicherung, sich für die Uraufführung einzusetzen, wurde
jedoch nichts. Nach Teilaufführungen in den Jahren 1913, 1923 und 1924
fand die vollständige Uraufführung erst 1925 unter seinem Schüler
Franz Moissl in einem Konzert der Bruckner-Vereinigung Berlin statt. In einer
Rezension dieses Konzertes, die neben allen spürbaren Vorbildwirkungen
doch die Eigenständigkeit der Sinfonie anerkennt, heißt es: "[...]
Ist nun dieses 1868 [sic] komponierte Werk in Brucknerscher Heißglut geschmiedet?
Ist es ein fertiges Werk? Sicher nicht. Aber auch keine Schularbeit im heutigen
Sinne und nach der selbstkritischen Bescheidung Bruckner. [...] Bruckners Lernarbeit
schlägt gewiss, auch in all seiner Problematik, selbst Improvisatorisches,
Starres und Übernommenes mit in Kauf genommen, jede gute Arbeit eines Epigonen."