Brahms arbeitete 15 Jahre lang mit Unterbrechungen an seiner ersten Sinfonie. Zu groß war das symphonische Erbe, das Beethoven hinterlassen hatte und das er als übermächtig empfand: "Wenn man wagt, nach Beethoven noch Symphonien zu schreiben, so müssen die ganz anders aussehen." Noch als bereits eine Erstfassung des Kopfsatzes existierte, gestand er dem Dirigenten Hermann Levi: "Ich werde nie eine Symphonie komponieren! Du hast keine Ahnung davon, wie es unsereinem zu Mute ist, wenn er immer so einen Riesen hinter sich marschieren hört" - gemeint war Beethoven.

Gemessen an der langen Entstehungszeit der ersten Sinfonie war die zweite, die er unmittelbar nach der Drucklegung der ersten begann, fast ein Schnellschuss: Sie entstand im Sommer 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Es war Brahms zur Gewohnheit geworden, den Sommer - als Ausgleich für das Winterhalbjahr, in dem er konzertierte und sich um die Drucklegung seiner Werke kümmerte - in landschaftlich schöner Umgebung zu verleben, um in aller Ruhe komponieren zu können. "Da fliegen die Melodien, dass man sich hüten muss, keine zu treten", schrieb er aus Pörtschach an den Kritiker Eduard Hanslick. Offensichtlich fühlte er sich hier von der reizvollen Landschaft inspiriert und nach dem langen Ringen um die erste Sinfonie regelrecht befreit. So äußerten sich Zeitgenossen, Kritiker und Freunde höchst erfreut über den andersartigen Charakter der zweiten: Carl Ferd. Pohl, Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, berichtete dem Brahms-Verleger Simrock über die Proben und Uraufführung durch die Wiener Philharmoniker: "Es ist ein prachtvolles Werk, das Brahms der Welt schenkt und zudem so recht zugänglich. Jeder Satz ist Gold und alle vier zusammen bilden in sich ein notwendiges Ganzes. Leben und Kraft sprudelt überall, dabei Gemütstiefe und Lieblichkeit." Und Hanslick: "Wir können unsere Freude darüber nicht laut genug verkünden, dass Brahms, nachdem er in seiner ersten Symphonie dem Pathos faustischer Seelenkämpfe gewaltigen Ausdruck verliehen, nun in seiner zweiten sich der frühlingsblühenden Erde wieder zugewendet hat." Doch hatte Brahms offensichtlich auch Bedenken, die Sinfonie würde zu sehr als heiteres, liebliches Naturbild interpretiert. An seinen Verleger schrieb er: "Sie müssen an die Partitur einen Trauerrand wenden, dass sie auch äußerlich ihre Melancholie zeigt!" Diese Bemerkung sollte zwar als purer Spaß verstanden werde, doch verbirgt sich hinter solchen Äußerungen wohl auch ein ambivalentes Verhältnis zur Heiterkeit und reinen Idylle. Als der Dirigent Vincent Lachner ihn fragte, warum er "in die idyllisch heitere Stimmung ... die grollende Pauke, die düstern lugubren Töne der Posaunen und Tuba" gestellt habe, erhielt er von Brahms zur Antwort, er habe "es sehr gewünscht und versucht, in jenem ersten Satz ohne Posaunen auszukommen", aber um dies zu erklären, müsste er "weitläufig" sein: "Ich müsste bekennen, dass ich nebenbei ein schwer melancholischer Mensch bin, dass schwarze Fittiche ständig über uns rauschen."

Das Hauptgewicht der Sinfonie liegt vom Umfang her und inhaltlich auf dem ersten Satz, der durch ein pastorales Thema, von Hörnern und Holzbläsern im Wechsel gespielt, eröffnet wird, das bereits das thematische Material für die gesamte Sinfonie enthält: Alle Themen des ersten sowie der folgenden Sätze sind aus diesem Thema abgeleitet oder in irgendeiner Weise auf dieses bezogen. Der ausdrucksstarke zweite Satz zeichnet sich ebenfalls durch eine Fülle thematischer Einfälle und subtile Instrumentationskunst aus. Er ist am Beginn durch dunkle, sonore Klangfarben tiefer Instrumente geprägt, während der Seitensatz durch die im Vordergrund stehenden Holzbläser helleren Charakter hat und der Epilog klanglich reizvoll Streicher und Pauken kombiniert. Im fünfteiligen dritten Satz, der tanzartigen Charakter hat, verzichtet Brahms auf die Blechbläser und Pauken, die der leichten, beschwingten Musik nicht angemessen wären. Der vierte Satz ist im Gegensatz zu den ersten beiden von ungetrübter Heiterkeit, ein symphonischer "Kehraus", in dem die melancholischen Klänge des tiefen Blechs aus dem ersten Satz eine triumphale Wendung erfahren, und mit einer großen, temperamentvollen Steigerung des gesamten Orchesters endet die Symphonie in unbändigem Fanfarenjubel.

Marieke Hopmann