Debussy schrieb die "Petite Suite" im Alter von 26 Jahren ursprünglich
für Klavier zu vier Händen und griff damit eine traditionelle Kompositionsform
der Barockzeit, in der Suiten als Folge von Tanzsätzen verbreitet waren,
wieder auf. Bekannteste Beispiele sind die vier Orchestersuiten, die Englischen
und die Französischen Suiten von Johann Sebastian Bach, die diversen Klaviersuiten
Händels oder Couperins. In der Zeit der Klassik verlor die Suitenform jedoch
an Bedeutung, da viele Tänze aus der Mode gekommen waren. Als später
bei neueren Kompositionen das alte Formmodell wieder Pate stand, war eine historisierende
Assoziation zur Musik der Vergangenheit beabsichtigt, so etwa bei Ravels "Tombeau
de Couperin", Griegs Holberg-Suite, Respighis "Antiche arie e danze",
den "Suiten im alten Stil" von Respighi, Reger und Schnittke oder eben
bei Debussys "Petite Suite":
Die beiden letzten Sätze lassen den Bezug zum alten Suiten-Modell schon
durch die Satzbezeichnungen erkennen: 'Menuet' als historische Tanzbezeichnung
und 'Ballet' als Grundidee der Suite, die den Tanz als Gesamtes thematisiert.
Die Titel der ersten beiden Sätze hingegen gehen auf gleichnamige Gedichte
aus dem 1869 erschienen Zyklus "Fêtes galantes" des französischen
Dichters Paul Verlaine zurück. Dieser wiederum bezieht sich in seinen Gedichten
auf die Bilder des Barockmalers Jean-Antoine Watteaus: Als Begründer der
französischen Rokoko-Malerei war dessen Hauptthema die heitere, gesellige,
müßige Welt der "Fêtes galantes", die sogar zur Genrebezeichnung
in der Malerei wurden. Sie zeigten - den lockeren Lebensformen der damaligen
Gesellschaft zur Zeit Louis XV. entsprechend - ländliche Feste mit vornehm
gekleideten Herrschaften, die vor dem Hintergrund von Parklandschaften flanieren.
Diese heiter-melancholische Rokokowelt, die in Watteaus Bildern dargestellt und
von Verlaine in seinen Gedichten auf zum Teil parodistische Art charakterisiert
wird, findet in Debussys Musik ihre Entsprechung:
"
En bateau" vertont eine lustvolle Bootspartie im Mondschein; die Flötenmelodie über
wiegenden Arpeggien im Barcarolenrhythmus lässt das Kräuseln der Wellen
und die Reflexe auf der Wasserfläche hörbar werden. In "Cortège" (Augfzugsmarsch)
zieht bei Verlaine eine vornehme Dame mit ihrem Gefolge dahin, das aus allerlei
kuriosen Gestalten besteht: einem umherspringenden Affen im Brokatgewand, einem
rot gekleideten Mohren, der die schwere Schleppe trägt, sie gelegentlich
anhebt, höher, als es ihm erlaubt, um zu schauen, wovon zu träumen
bei Nacht... Eine märchenhaft-bizarre Klangwelt von ätherischer Transparenz
entsteht sodann im "Menuet". "Ballet" ist ein unbekümmertes
Musikstück voll tänzerischer Vitalität, in das als Mittelteil
ein ironisch-sentimentaler Walzer eingebettet ist, der schließlich auch
in der Schlussstretta die Oberhand gewinnt.
Man muss sich die dekadente Szenerie des Barocks, höfische Galanterie und
Maskerade, vorstellen, um die Ironie hinter Debussys "schöner" Musik
heraushören zu können. Noch zu seinen Lebzeiten wurde die Suite vielfach
bearbeitet, so auch von Henri Busser für Orchester instrumentiert, wodurch
das Stück noch populärer als in der ursprünglichen Klavierfassung
wurde und heute zu den bekanntesten Werken Debussys zählt.
Marieke Hopmann