Rossinis kompositorische Produktivitätskurve ist in der Musikgeschichte
beispiellos: Zwischen dem 17. und dem 37. Lebensjahr entstanden allein vierzig
Opern, manchmal drei bis vier innerhalb eines Jahres, daneben auch andere vokale
und instrumentale Werke, doch dann sank die Kurve plötzlich beinahe auf
den Nullpunkt - und das, obwohl er gerade erst in der Mitte seines 76 Jahre währenden
Lebens stand. Es gibt wohl keinen zweiten Künstler, der so früh einen
Schlussstrich unter sein œuvre zog und regelrecht zum "Aussteiger" wurde.
Abgesehen von einigen Jahren (1839 -1848), in denen er zunächst ehrenamtlich,
dann als Direktor das Liceo Musicale in Bologna leitete, zog er sich vollständig
aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Außer einer Petite messe
solennelle, einem Stabat mater (das allerdings schon 1830 bei ihm in Auftrag
gegeben, aber erst 1842 fertiggestellt wurde) sowie kleineren Piècen für
Klavier oder Gesang und Klavier, die er als Alterssünden bezeichnete und
nur noch Freunden und Besuchern seiner legendären Samstags-Soireen zusammen
mit seinen neuesten kulinarischen Kreationen auftischte, komponierte er höchstens
noch Rezepte für köstliche Pasteten und bis heute bekannte Bonmots
(die ihm wohl auch nachträglich angehängt wurden), wie das über
Wagners "Lohengrin": "Ja, er hat schöne Augenblicke - aber
böse Viertelstunden."
Die Entstehung des Fagottkonzerts muss in Rossinis Zeit am Liceo
Musicale in Bologna fallen. Der italienische Fagottist Prof. Sergio Azzolini
entdeckte die
Partitur in der Musikbibliothek eines kleinen Ortes nahe Mantua. Die Bezeichnung
mit "Concerto da Esperimento" weist es als ein Pflichtstück für
Abschlussprüfungen aus. Prüfling war Rossinis Schüler, der 17jährige
Fagottist Nazareno Gatti, von dem auch eine Fagottschule, einige Etüden
und ein Cappriccio fantastico für Fagott und Klavier vorliegen. Das Manuskript,
das in Gattis Handschrift verfasst ist, enthält neben dem Notentext zahlreiche
Anmerkungen. Diese zeigen deutlich, wie intensiv sich Lehrer und Schüler
während des Entstehungsprozesses über das Werk und seine Interpretation
austauschten. Die Orchestrierung hatte Rossini - vielleicht zu Übungszwecken
- offensichtlich seinen Schülern überlassen. Wahrscheinlich stammt
sie von Gatti, vielleicht aber auch von Domenico Liverani, der Klarinettenlehrer
am Liceo war und auch ein weiteres kleines Werk von Rossini instrumentiert hat.
Im ersten Satz stellt sich nach einer verhaltenen Orchestereinleitung das Fagott
mit einem Thema in großen Sprüngen vor, gefolgt von einem lyrischen
zweiten Thema. Der dritte Satz ist ein Rondo-Allegretto im 6/8-Takt; beide schnellen
Sätze fordern vom Solisten große technische Brillianz und Virtuosität.
Der lyrische zweite Satz birgt eine Überraschung: das Thema im Solofagott
gleicht zwei Takte lang Note für Note dem "Liebesverzichtsmotiv" aus
Wagners "Rheingold". Zwar hat Wagner 1860 Rossini in Paris besucht
und ihn als "ersten wahrhaft großen und verehrungswürdigen Menschen" bezeichnet,
doch dass er etwas von dessen Fagottkonzert wusste, ist unwahrscheinlich.
Marieke Hopmann