Antonin Dvorák
dürfte der einzige Komponist mit Gesellenbrief als Fleischer sein: 1841 in
einem Moldau-Dorf nördlich von Prag als Sohn eines Gastwirts und Metzgers
geboren, musste er zunächst den väterlichen Beruf erlernen, ehe dem
begabten Jüngling, der nebenbei Chorknabe war und in einer Tanzkapelle Geige
spielte, der Besuch der Prager Orgelschule gestattet wurde. Auch die folgenden
Jahre als Organist, privater Musiklehrer und Bratscher des Theaterorchesters,
das zu dieser Zeit unter Smetanas Leitung stand, waren äußerst karg.
Er widmete sich jedoch mehr und mehr der Komposition, und ab 1872 wurden seine
ersten größeren Werke öffentlich aufgeführt. Durch Johannes
Brahms, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, lernte er den Berliner
Verleger Simrock kennen. Als dieser seine "Slawischen Tänze" und
"Klänge aus Mähren" veröffentlichte, wurde Dvorák
auf einen Schlag europaweit berühmt. Später wurde er Professor für
Komposition und darauf auch Direktor des Prager Konservatoriums.
Dazwischen lebte er für mehrere Jahre in Amerika - gerufen, um eine dortige
"Nationalmusik" zu schaffen: Man sah in ihm einen Komponisten, der bereits
aus den eigenen nationalen Musiktraditionen heraus Großes geschaffen hatte,
denn in seinen Werken ließ er sich von der tschechischen und slawischen
Volksmusik inspirieren und verhalf ihr zu europäischem Ansehen, ja sogar
zu Weltgeltung. Es gibt ein vielbemühtes Zitat: "Ich bin ein einfacher,
tschechischer Musiker ... und obwohl ich mich in der großen Welt der Musik
zur Genüge bewegt, habe, bleibe ich doch, was ich war: - ein einfacher tschechischer
Musikant." Bei aller Bescheidenheit war Dvorák keineswegs der naive,
unreflektiert drauflosschreibende Musikant, als der er sich gerne hinstellte.
Obwohl er zeitlebens seiner Heimat verbunden blieb, nahm er jede Gelegenheit war,
sich zu bilden, begab sich auf viele Reisen, war hochsensibel für künstlerische
Ausdrucksformen und ging äußerst selbstkritisch mit seinen Kompositionen
um. Zahlreiche Frühwerke vernichtete er, seine Jugendsinfonien veröffentlichte
er gar nicht und seine späteren nur nach einigen Revisionen. Dadurch herrschte
lange Zeit Verwirrung bei der Nummerierung seiner Sinfonien: So wurde die letzte
Sinfonie "Aus der Neuen Welt" oftmals als Nr. 5 geführt anstatt
als Neunte. Ähnlich ging es der Sinfonie Nr. 8, die lange Zeit als Vierte
galt. Sie führte auch zum Zerwürfnis mit seinem Verleger Simrock, der
ihn mit nur einem Fünftel des für die Siebte Sinfonie gezahlten Honorars
abspeisen wollte, und erschien daher bei Novello in England.
In nur zweimonatiger Arbeit auf dem Landsitz Vysoká entstanden, ist die
8. Sinfonie Dvoráks inspiriert von der sommerlichen Landschaft Böhmens
und pflegt wie keine andere seiner Sinfonien das folkloristisch-böhmische
Idiom. Der Melodienreichtum des Werks sprengt die sinfonische Form und in fast
rhapsodischem Stil rücken gefühlsstarke Stimmungsbilder - persönlicher
wie heimatlich-tschechischer Art - in den Vordergrund. Die Musik ist stets so
lebensvoll und gefühlsgetränkt, dass immer wieder an außermusikalische
Erklärungen gedacht worden ist, obwohl keinerlei programmatische Absichten
vorgegeben sind. Der Kopfsatz basiert zwar auf dem Modell des Sonatensatzes, variiert
es jedoch auf eigene Art. Sein wichtigstes Merkmal ist nicht mehr der motivisch-thematische
Prozess, sondern eine bestechende Beweglichkeit in der melodischen Erfindungskraft,
in der Reihung, Kombination und instrumentatorischen Aufbereitung der Einfälle.
Das Adagio bewegt sich in balladenhaften, viel- und feinfarbigen Gefilden. Es
vereint eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmun gen. Das Allegretto grazioso kommt
als inniger, ein wenig wehmütiger und doch elegant beschwingter Walzer daher
- möglicherweise eine Referenz an Tschaikowski, mit dem Dvorák kurz
zuvor Freundschaft geschlossen hatte. Im Mittelteil zitiert er eine Melodie aus
seinem früheren Operneinakter "Der Dickschädel". Ein Trompetensignal
eröffnet das Finale. In ungewöhnlicher Weise kombiniert er in diesem
in strahlendem G-Dur gehaltenen Satz geistvoll Sonaten- und Variationsform.
Am 2. Februar 1890 brachte Dvorák die Sinfonie in Prag mit dem Orchester
des Tschechischen Nationaltheaters zur Uraufführung. Zu dieser Zeit war er
längst international anerkannt. Seine Werke wurden nicht nur häufig
gespielt, sondern jede Neuigkeit aus seiner Feder erwartete man in der musikalischen
Welt mit Spannung. Noch im gleichen Jahr dirigierte er das Werk in London und
Frankfurt am Main. Nach der Wiener Erstaufführung 1891 mit den Philharmonikern
schrieb der Dirigent Hans Richter an Dvorák : "An dieser Aufführung
hätten Sie gewiss Freude gehabt. Wir alle haben gefühlt, dass es sich
um ein herrliches Werk handelt: Darum waren wir alle auch mit Enthusiasmus dabei.
Der Beifall war warm und herzlich."
Marieke Hopmann