Die Oper La Clemenza di
Tito entstand in Mozarts letztem Lebensjahr während der Arbeit
an der "Zauberflöte" innerhalb weniger Wochen. Den Kompositionsauftrag
erhielt Mozart Ende Juli 1791 vom Impresario des Prager Nationaltheaters anlässlich
der Krönung Kaiser Leopolds II. zum böhmischen König, und während
nun seine Frau Konstanze nach der Geburt des sechsten Kindes Franz Xaver Wolfgang,
dem am 26. Juli geborenen jüngeren der beiden überlebenden Söhne,
zuhause in Wien im Wochenbett lag, hatte Mozart in Prag an seiner letzten opera
seria zu arbeiten.
Die reichlich verwickelte Handlung, die schon vor Mozart Dutzende Male vertont
worden war, spielt im ersten nachchristlichen Jahrhundert in Rom. Nachdem Titus
zum Kaiser gekrönt worden ist, stiftet Vitellia, die Tochter seines entthronten
Vorgängers, ihren Verehrer Sesto zum Aufstand an, der jedoch fehl schlägt.
Nach viel Hin und Her nimmt die Sache doch noch ein gutes Ende: Titus begnadigt
seine geständigen Widersacher und lässt seine im Titel apostrophierte
Milde walten.
Die Uraufführung der Oper am 6.9.1791 vor dem höfisch-konservativen
Publikum in Prag war allerdings ein Misserfolg. Zur Krönungsfeierlichkeit
hatte man von Mozart eine reine Huldigungsoper (zwei Jahre nach dem Sturm auf
die Bastille!) nach dem barocken Schema der opera seria war erwartet, obwohl dieses
- er hatte bereits die Buffo-Opern Figaro und Don Giovanni geschrieben - für
ihn längst überholt war. Hätte er es sich leisten können,
hätte er den Auftrag sicher abgelehnt. Die Hofintrige mit ihrem statischem
Tableau-Charakter und dem nahezu penetranten Edelmut, der als Verbeugung vor dem
König zur Schau gestellt werden sollte, wurde denn auch von Mozart und seinem
Librettisten aufgebrochen: Statt Charakterschablonen zeigten sie durchaus Eigenschaften
und Gefühle lebendiger Menschen, leuchteten die Figuren psychologisch aus
durch konfliktgeladene, von der Opera buffa beeinflusste Ensembleszenen und nicht
zuletzt durch eine stellenweise nach innen gekehrte, persönliche, gänzlich
"inoffizielle" Musik, so dass die Grenzen zwischen dem Erhabenen und
dem Lächerlichen beinahe verwischt, die opera seria fast ad absurdum geführt
wurde.
Marieke Hopmann