Dass Mozart nicht
nur ein außergewöhnlich virtuoser Pianist, der schon im Kindesalter
öffentlich auftrat, sondern auch ein sehr guter Geiger war, gerät
im allgemeinen Bewusstsein leicht in Vergessenheit. Immerhin hatte Vater Leopold,
der zweiter Konzertmeister der Salzburger Hofkapelle sowie ein angesehener Violinpädagogen
war und als solcher Verfasser einer richtungsweisenden Violinschule, seinen
Sohn schon mit sechs Jahren selbst auf der Geige unterwiesen.
Violinmusik war im Salzburg der Mozart-Zeit bei Hof, Adel und Bürgertum
außerordentlich beliebt. Sowohl unter den Berufsmusikern als auch unter
den "Dilettanten" gab es ausgezeichnete Violinisten. Als Mozart 1769
im Alter von 13 Jahren als Konzertmeister am später so verhassten erzbischöflichen
Hof in den Dienst trat, war er nicht nur von Amts wegen verpflichtet, bei Hofkonzerten
zu musizieren und das Geigenspiel nicht zu vernachlässigen, er war darüber
hinaus selbst ein angesehener Solist. So ist es kein Zufall, dass die Entstehung
seiner fünf Violinkonzerte in diese Salzburger Jahre, 1773-75, fällt.
Wie später auch seine Klavierkonzerte wird er sie sich auf den Leib und
zum eigenen Vortrag geschrieben haben. Indes nahm er seine Violinkunst offenbar
selbst nicht allzu ernst. Seinem Vater berichtete er beispielsweise am 6. Oktober
1777 über ein Konzert aus München: "Zu guter Letzt spielte ich
die letzte Cassation [...] von mir. Da schaute alles groß drein. Ich spielte,
als wenn ich der größte Geiger in ganz Europa wäre." Sein
Vater aber, immer auch voller Sorge, der Sohne übe nicht fleißig
genug, wusste es besser: "Daß sie bei der Abspielung Deiner letzten
Cassation alle groß darein geschauet wundert mich nicht", antwortete
er am 18. Oktober , "Du weißt selbst nicht, wie gut Du Violin spielst,
wenn Du nur Dir Ehre geben und mit Figur, Herzhaftigkeit und Geist spielen willst,
ja, so, als wärest Du der erste Violinspieler in Europa."
Im väterlichen Unterricht und auf den drei italienischen Konzertreisen,
die er zwischen 1769 und 1773 mit seinem Vater unternahm, war der junge Mozart
Violinmusik ganz unterschiedlichen Stils begegnet. Nicht nur Tartini, Geminiani,
Locatelli, auch die Konzerte Nardinis, Pugnani, Boccherinis machten großen
Eindruck auf ihn. Seine fünf, an kompositorischer Raffinesse und Virtuosität
stetig zunehmenden Violinkonzerte demonstrieren beispielhaft den Mozart jener
Jahre im Rahmen des Galanten Stils zwischen Spätbarock und Frühklassik:
Die sogenannte "neapolitanische" schlanke Besetzung mit zwei Oboen,
zwei Hörnern und Streichern lässt den Solopart ganz zur Geltung kommen.
(Nur im Adagio des G-Dur-Konzerts sind überraschenderweise Flöten
statt Oboen besetzt. - Von Holzbläsern konnte in damaliger Zeit die Beherrschung
beider Instrumente erwartet werden.) Obwohl die Konzerte alles andere als "kinderleicht"
sind, wird Virtuosität nur in Maßen eingesetzt und ist niemals Selbstzweck.
Die Aufteilung in Solo und Tutti entspricht noch der für die Barockzeit
vorbildlichen Konzertform Vivaldis, wobei der Solist damals wohl die Tutti-Partien
mitspielte. Die Kopfsätze sind zwar schon in Sonatenhauptsatzform gehalten,
doch findet in den Durchführungen, wenn überhaupt, noch wenig thematische
Arbeit mit Motiven der Exposition statt.
Mozarts Violinkonzerte gelten als Muster eines Gleichgewichts zwischen
instrumentaler Brillanz und musikalischem Gehalt. Das dritte Konzert G-Dur entstand
1775 wenige Monate nach Mozarts Festoper "Il Rè Pastore", was
im Kopfsatz hörbar ist: Das lebendige Hauptthema ist ein Zitat einer Arie
aus dem ersten Akt. Nach dem Seitenthema der Bläser und dem dritten Thema
der Solovioline folgt die Durchführung mit einigen Molltrübungen.
Vor der Reprise gibt es eine eigentümliche Passage, in der der Solist mit
typischen Wendungen eines Opern-Rezitativs zu deklamieren scheint. Das Adagio
mit seinem verträumten kantablen Anfangsthema gilt als eine der wunderbarsten
Schöpfungen Mozarts aus seiner Salzburger Zeit: Das Pizzicato der Bässe,
die gedämpften übrigen Streicher und die Flöten erzeugen durch
eine triolische Bewegung einen zarten, anmutig fließenden Hintergrund
für die Kantilene der Solovioline. In der Satzmitte des finalen Rondos
schiebt Mozart unerwartet einen Andante-Teil ein: Vom Pizzicato der Streicher
begleitet erklingt hier eine Gavotte-artige Melodie in g-moll, wird aber schon
bald durch eine schlichte Volksweise, die unter dem Titel "Der Straßburger"
bekannt war, abgelöst. (Das Konzert wird daher auch das Straßburger
Konzert genannt.) Die Begleitung durch die leere d-Saite der Solostimme in Musette-Manier
klingt dabei wie die Andeutung eines Dudelsacks. Nach diesen Einschüben
kehrt das Rondo wieder in das ursprüngliche Tempo zurück. Das Konzert
endet ganz unspektakulär, doch gerade dadurch reizvoll und auffällig,
im piano.
Marieke Hopmann