Neben der e-Moll-Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ hat kein Werk den Namen Antonín Dvořák so populär gemacht wie das Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104. Zusammen mit den Konzerten von Haydn und Schumann zählt es zu den drei großen klassischen Cellokonzerten und ist die letzte größere Komposition, die der Meister in Amerika schuf. Dvořák hatte 2 1/2 Jahre, von September 1892 bis April 1895, als Direktor des National Conservatory in New York gewirkt. Obwohl er dort glückliche Jahre verbrachte, hoch geehrt wurde und Anregungen empfing, die ihn künstlerisch bereicherten und die er auch schöpferisch verwerten konnte, überwand er nie die Sehnsucht nach seiner böhmischen Heimat. Wenngleich hier kein direktes Zitat böhmischer Musik festgestellt werden kann, ist der „böhmische“ Tonfall dennoch allgegenwärtig und nicht zu überhören. Noch in anderer Beziehung ist dieses Konzert ein Lebensdokument: Dvořák zitiert im langsamen Mittelsatz ein eigenes Lied („Lass mich allein“ aus den „Vier Liedern nach Texten von Ottilie Malybrock-Stieler op.82“), und dieses Zitat bedeutete eine Huldigung an die Schwägerin Josefine Kounic, der seine große unerwiderte Jugendliebe gegolten hatte. Jenes Lied hatte in den späteren freundschaftlichen Beziehungen der beiden eine Rolle gespielt. Als sie starb, nahm er dies zum Anlass, den Schluss des Werkes zu ändern, indem er das Liedthema noch einmal anklingen ließ und auf eine glänzende Solokadenz an dieser Stelle verzichtete. Diese weggelassenen Kadenz war der Anlass zu Auseinandersetzungen mit dem eigentlich für die Uraufführung vorgesehenen befreundeten Cellisten Hanuš Wihan, dem das Konzert auch gewidmet ist. Solist bei der vom Komponisten selbst dirigierten Uraufführung am 19.3.1896 in London war dann Leo Stern. In Leipzig dirigierte Dvořák das Konzert 1897 zum Andenken an den verstorbenen Johannes Brahms, der ihn am Anfang seiner Komponistenkarriere nachhaltig gefördert hatte.
Dvořák hatte eigentlich keine Vorliebe für das Violoncello als Soloinstrument. Er beschrieb es einmal despektierlich als „ein Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt“. Dennoch ist sein Cellokonzert das bedeutendste seiner Gattung im späten 19.Jahrhundert geworden. Der Solopart ist außerordentlich dankbar: ausdrucksvolle Kantilenen, mitreißender rhythmischer Schwung, effektvolle Brillanz, eine Virtuosität, die nie zum Selbstzweck wird. Den großen Orchesterapparat hat Dvořák so ökonomisch eingesetzt, dass das Cello klanglich doch stets im Zentrum bleibt und nicht gegen Klangmasse ankämpfen muss. Einzelne Instrumente aus dem Orchester – Flöte, Horn, Klarinette - dialogisieren mit dem Solocello oder spielen eigene Soli, wie die Klarinette am Anfang des zweiten Satzes.
Dvořák hält sich an die traditionelle Dreisätzigkeit des Solokonzerts. Der dramatisch kraftvolle Kopfsatz ist ein Sonatensatz, in dem vier Themen sehr frei und rhapsodisch verarbeitet werden. So setzt die Reprise zuerst mit dem chromatischen Seitenthema ein. Der langsame Satz hat eine dreiteilige Form (ABA); ein sehr schlicht und gesanglich gehaltener Hauptteil umrahmt einen leidenschaftlichen Mittelteil. Der äußerst wirkungsvolle, schwungvoll bewegte dritte Satz ist als Rondo angelegt und enthält eine Fülle verschiedenartiger - pathetische, rhythmisch zündende, lyrische und elegische - Themen. Hier tritt das böhmische Element am deutlichsten hervor. Nach der Schlussreminiszenz des Liedzitats (s.o.) endet das Werk mit einer kurzen Stretta des Orchesters.