Modest Mussorgsky (1839-1881) gilt für viele als größte, sicher aber originellste Begabung, die Russland in der Musik bisher hervorgebracht hat. Für seine Entwicklung bestimmend war der Kontakt zu einer Gruppe um den Komponisten Mili Balakirew, der sich als Begründer einer neuen russischen Musik fühlte und eine von den damals tonangebenden westeuropäischen Einflüssen unabhängige, aus den Traditionen der russischen Volksmusik schöpfende und von der Sprachdeklamation ausgehende Musik anstrebte. Die unter dem Spottnamen „ Das mächtige Häuflein“ bekannte Gruppe von fünf Musikern – dazu gehörten noch Alexander Borodin, Nikolai Rimskij-Korsakow und César Cui – hatte den größten Einfluss auf die Entwicklung der russischen Musik im späten 19.Jahrhundert.
Mussorgsky war ein ausgezeichneter Pianist, hatte jedoch kaum eine musiktheoretische Ausbildung genossen und beherrschte das kompositorische „Handwerk“ nur unvollkommen. Doch gerade der Umstand, dass ihm dies gar nicht wichtig war, und dass er westliche Kompositionstechnik, symphonische und kontrapunktische Arbeit strikt ablehnte, bewirkte eine ganz eigene musikalische Sprache. Es ging ihm nicht um die „Schönheit“ der Musik: „Die künstlerische Darstellung der Schönheit allein, in ihrer rein materiellen Bedeutung, ist grobe Kinderei…“ schreibt er in einem Brief an seinen Freund Vladimir Stassov. Mussorgsky lag vielmehr die unbedingte Wahrheit des Ausdrucks am Herzen: realistische Darstellung von Bildern, Szenen, Handlungen und Empfindungen, die genaue Nachbildung des gesprochenen Wortes, und dies alles unter Einbeziehung des russischen musikalischen Volksgutes.
All diese Gedanken und Ziele finden wir in dem für Klavier solo komponierten Zyklus „Bilder einer Ausstellung“, den Mussorgsky auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft im Sommer 1874 schrieb, in beispielhafter Form verwirklicht. Die Uraufführung brachte ihm jedoch nicht den erhofften Durchbruch. Verbittert durch Misserfolge, wirtschaftlich verarmt, verfiel er mehr und mehr dem Alkohol und starb früh, im Februar 1881.
Die Anregung zu dem Werk hatte ihm eine Kunstausstellung vermittelt, die zum Gedenken seines im Vorjahr überraschend verstorbenen Freundes, des Malers und Architekten Viktor Hartmann, veranstaltet worden war, und in der Aquarelle und Zeichnungen des Künstlers zu sehen waren. Von den Werken, die Mussorgsky seiner Suite zugrunde legte, sind nur noch wenige im Original nachweisbar. Es sind Reiseskizzen, Architektur- oder Kostümentwürfe und kunsthandwerkliche Arbeiten. Mussorgskys Stücke haben zu den Originalwerken Hartmanns jedoch meist nur eine lose Beziehung.
Das Werk wies mit seinen sowohl impressionistischen als auch expressionistischen Zügen, mit seinen für die Zeit zum Teil enormen harmonischen Kühnheiten weit voraus in die Zukunft. Zudem forderte die Klavierkomposition mit ihrer farbigen musikalischen Darstellung und der naturalistischen Charakterisierung von Personen und Szenen eine Instrumentierung und Nutzung der Ausdrucksmöglichkeiten des Orchesters geradezu heraus. So entstand eine ganze Reihe von Orchesterfassungen (z.B. von Tuschmalow, Stokowski, Ashkenazy), von denen diejenige von Maurice Ravel jedoch bis heute den mit Abstand größten Erfolg hat. Ravel gelang in seiner 1922 entstandenen, 1923 uraufgeführten Bearbeitung, einerseits orchestrale Brillanz, impressionistische Effekte und Farbenreichtum der Orchesterinstrumente mit der urtümlichen Wucht und Eckigkeit und den oft geradezu expressionistischen Disharmonien des Klavier-Originals andererseits zu verbinden. Ravel hielt sich bis auf geringfügige Ausnahmen genau an die originale Reihenfolge und Form des aus zehn „Bildern“ und verbindenden Zwischenteilen bestehenden Zyklus.

Promenade: Eine Einleitung und kurze Zwischenspiele charakterisieren das ruhige Schreiten des Betrachters von Bild zu Bild. In ihrem ausgefallenen Metrumwechsel von Fünfviertel- und Sechsvierteltakt und ihrer pentatonischen Melodik wirkt die Promenade archaisch-russisch. Das gleiche Motiv wird in den Zwischenspielen derart abgewandelt, dass es die Stimmung und Tonart des folgenden Stückes vorbereitet oder ankündigt.
Gnomus: Dieses Bild schildert das groteske Herumstolpern und Springen eines Zwerges. Mit einer Reihe verschiedener oft ruckartig zuckender oder gespenstisch hüpfender Motive wird das Geschehen realistisch-deskriptiv dargestellt.
Das alte Schloss: Ein mittelalterlicher Spielmann singt eine romantisch-elegische Weise. Ravel lässt diese - russisches Kolorit andeutende - Melodie im wiegenden 6/8-Takt vom Saxophon über einem liegenden ostinaten Bass, der an eine Drehleierbegleitung denken lässt, vortragen.
Tuilieries: In den Pariser Tuilerien-Gärten lärmen und schreien spielende Kinder. Der tänzerisch-kapriziöse Charakter der Musik wird vor allem durch hell, bisweilen auch scharf klingende Holzbläser dargestellt. Ein Beispiel dafür, dass es dem Komponisten eben nicht auf die reine Schönheit ankam, sondern auf den charakteristischen Ausdruck.
Bydlo: Ein von Ochsen gezogener polnischer Leiterwagen auf riesigen Rädern kommt aus der Ferne schwerfällig näher, um sich dann wieder zu entfernen. Zum monotonen Rollen der Räder, charakterisiert durch schwere Akkorde der tiefen Streicher und Fagotte, spielt die Tuba eine wieder an russische Volksweisen erinnernde schwerfällige Melodie.
Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen: Die Bildvorlage war ein Bühnenbildentwurf für ein Ballett. Mussorgsky macht in seiner Musik daraus ein wahres Kabinettstückchen, ein kapriziös-elegantes Scherzo, in dem Holzbläser, Harfe, Celesta und Schlagzeug das Piepsen, Picken und Flattern der aus den Eiern schlüpfenden Küken geradezu naturalistisch schildern.
Samuel Goldenberg und Schmuyle: Hartmanns Zeichnung zweier an einer Hausecke sitzender Juden (hier als Aquarell) hat Mussorgsky sehr frei als Dialog zwischen zwei polnischen Juden vertont. Die Komposition ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Mussorgsky Sprachmelodie und menschliche Redeweise bis ins Kleinste darzustellen vermag. Zunächst der reiche, wichtigtuerische und herrische Goldenberg (bei Ravel Streicher und Holzbläser unisono), dann der arme, geschwätzig plappernde, bettelnde Schmuyle (gestopfte Trompete), schließlich beide zusammen, und am Ende dann die wütende Abfuhr durch den einen, die Resignation des anderen: all das ist äußerst drastisch gezeichnet.
Der Markt in Limoges: Ein heftiger Streit  keifender Marktweiber, der immer vehementere Formen annimmt, bis die Auseinandersetzung in eine wilden Schlägerei ausartet: so kann man sich diese Szene vorstellen. Rasende Sechzehntelpassagen, scharfe Akzente und Synkopen in ständig wechselnden Klangfarben und großer Lautstärke sind charakteristisch.
Catacombae – Sepulcrum Romanum: Abrupt schlägt die Stimmung um. Lange, harte, dissonante Blechbläserakkorde, tremolierende Streicher und Holzbläser, fahle Harmonien malen eine unheimliche Atmosphäre. Hartmanns Bild stellt den Künstler selbst dar, wie er beim Licht einer Laterne die Katakomben in Paris besichtigt. Mussorgsky kommentierte dieses Gemälde so: „Hartmanns schöpferischer Geist führte mich zu den Schädeln in den Katakomben. Er spricht sie an, und sie erleuchten sich allmählich von innen.“
Die Hütte auf Hühnerkrallen: Hartmanns Bild zeigt einen Uhrturm auf Hühnerkrallen in Form der Hütte der Baba Yaga, einer im russischen Märchen beheimateten Hexe und Zauberin. Diese vollführt einen wilden Ritt auf ihrem Mörser. Barbarische Rhythmen und Akzente in der Musik weisen bereits auf Béla Bartók voraus. Ein ruhiger Mittelteil mit einem Tritonus-Bassthema, das von einer stereotypen Triolenfigur der Flöten bzw. Klarinetten begleitet wird, charakterisiert das irreale Milieu. Die Reprise des wilden Hexenritts mündet in „Das große Tor von Kiew“.
Das große Tor von Kiew: Hartmanns Zeichnung, die einen Entwurf für ein Tor der Stadt Kiew im massiven altrussischen Stil darstellt in Gestalt eines mächtigen Torbogens auf Granitsäulen und eines daneben stehenden Glockenturms mit einem slawischen Helm als Kuppel, sowie einer kleinen Kirche im Inneren, inspirierte Mussorgsky zur Gestaltung eines großen szenischen Finales. Feierliche Blechbläser-klänge, eine russische Choralmelodie, eine Steigerung des vollen Orchesters mit Glocken, vollem Schlagwerk und dem triumphalen Wiederaufgreifen des Pro-menadenthemas beschließen das Werk mit äußerster Kraftentfaltung und mächtigem theatralischem Pathos.                              FZ